EMA-Gespräche

Buchvorstellung und -besprechung:

Mohammed Abed Al-Jabri - Das Buch "Kritik der arabischen Vernunft" in seinem Kontext

Die "Kritik der arabischen Vernunft" des in Marokko lebenden Philosophen Mohammed Abed Al-Jabri ist eine Fundamentalanalyse der arabischen Kultur. Namhafte Wissenschaftler und Experten der arabischen Philosophie haben über das nun auch außerhalb des arabischen Raumes erschienene Buch diskutiert.

Langsam aber stetig bahnt es sich seinen Weg in die gesellschaftliche Mitte. Zu Beginn sind es die Intellektuellen und Philosophen, die begeistert sind, es aufnehmen, diskutieren, es verbreiten. Schließlich ist es das Publikum, das in den Bann gezogen wird. Al-Jabris Werk scheint mehr zu sein als einer unter vielen Beiträgen zur Philosophie. Es ist ein Meilenstein in der Reflektion des arabischen Denkens – der arabischen Vernunft. Es stehe auf einer Ebene neben Kant und Hegel, wie der Philosoph und Unternehmer Dr. Reginald Grünenberg auf der Buchvorstellung am Abend des 11. Novembers 2009 im Hamburger Goethe-Institut betonte.

Der EMA und dem Goethe-Institut war es eine besondere Freude, al-Jabris Werk und im Speziellen die jüngst erschienene deutsche Übersetzung von Die Kritik der arabischen Vernunft – Die Einführung den rund fünfzig Gästen vorzustellen. Zu diesem Anlass wurden hochkarätige Referenten geladen:
  • Dr. Sarhan Dhouib, Lehrbeauftragter der UNESCO-Lehrstühle für Philosophie an den Universitäten Bremen und Tunis
  • Dr. Reginald Grünenberg, der auch Verleger der deutschen Übersetzungen ist.
  • Dr. Detlev Quintern, der an der Universität Bremen Kultur- und Ideengeschichte lehrt sowie
  • Ilona Kock vom Institut für Philosophie der Universität Bremen.
Der ehemalige Volkswirt am Deutschen Orient-Institut und stellvertretende EMA-Präsident Aziz Alkazaz moderierte die Veranstaltung.
 
Dr. Grünenberg berichtete von seiner Faszination über al-Jabris Werk, in dem er die Bestätigung seines europäisch-kantischen Denkens neu entdeckte, obwohl sich al-Jabri einer komplett anderen Begriffswelt bediene und unabhängig von der europäischen Philosophie arbeite.
 
Dr. Dhouib versteht die Philosophie, ob arabischen oder europäischen Ursprungs, als universell. Das Problem sei die fehlende Aufmerksamkeit für „anderssprachige“ Philosophen, für deren Werke sich nur schwer jemand zur Übersetzung finde. Zum großen Teil werde deshalb die arabisch-islamische Philosophie in Europa ausgeklammert und vergessen, dass Aufklärung und Reformbewegungen auch in der arabischen Kultur ihre Wurzeln haben. Besonders die Wiederentdeckung der Ideen von Ibn Rushd (1126-1198), heute im Westen als der spanisch-arabische Denker Averroes bekannt, zeige die frühe arabische Aufklärung und die Trennung von Religion und Philosophie, ohne sich dabei zu widersprechen oder miteinander zu konkurrieren.
 
Ilona Kock beschäftigte sich in ihrem Referat eingehend mit den Vordenkern Ibn Rushd und seinem oft als geistigen Widersacher angesehenen Zeitgenossen al-Gazali.
 
Dr. Quintern vertrat auch wie Dr. Dhouib die These einer universalistischen, neu zu begründenden humanistischen Vernunft, um der Gefahr einer Spaltung der Weltgesellschaft zu begegnen. Dabei solle es aber auch nicht das Ziel sein, eine isolierte, reine Vernunft zu erreichen. Sie solle eher eingebettet sein in Ethik, Moral, Umweltbewusstsein und Menschlichkeit, damit sie nicht destruktiv, sondern integrativ werde.
 
Der inner- und interkulturelle Diskurs um Vernunft wurde mit der gelungen Veranstaltung belebt. Das Publikum diskutierte mit den Referenten den neuen arabischen Rationalismus und welche Bedeutung der Sprache dabei zukommt. Dr. Dhouib verwies auf die Aufgabe der Philosophie, neue Begriffe zu erschaffen, um das Denken weiterentwickeln zu können. Genau dies könne nur im Austausch mit anderen Kultur- und Sprachräumen geschehen. Dabei gehe es zwar auch um die Wiederentdeckung philosophischer Wurzeln, aber noch viel mehr um die Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen mit dem Blick in die Zukunft.  
                                      
Von Heike Hahn