EMA-Gespräche

Motive des Orients - Zwischen Fiktion und Realität

Am Abend des 23. November 2009 fanden sich wieder anlässlich der monatlichen EMA-Gespräche Neugierige in den Räumlichkeiten der EMA ein, um Dr. Dietrich Rauchenberger zum Thema „Das Bild des Maghreb in Deutschland – Malerei vom 15. Jahrhundert bis heute“ referieren zu hören.
 
Dr. Rauchenberger, ehemaliger Militärattaché der deutschen Botschaften in Rabat und Tunis sowie gelernter Historiker und Jurist, freut sich über jeden, der sich für dieses für manche allzu speziell wirkende Thema interessiert. „Europäer schenken der Geschichte der Maghreb-Länder selten ihre Aufmerksamkeit. Künstlerisch steht, wenn überhaupt, die Schrift im Vordergrund, selten jedoch die Malerei. Künstler bauen seit 500 Jahren eine Brücke über das Mittelmeer – doch kaum einer hat es gemerkt“, bedauerte Rauchenberger.
 
Erst im 19. Jahrhundert erhielt die europäische Öffentlichkeit Eindrücke des Orients durch die koloniale Expansion europäischer Mächte. Der Maler Eugène Delacroix lieferte als einer der ersten europäischen Künstler mit seinen Gemälden seine unverfälschte Sicht auf den Orient, welchen er als 34-jähriger bereiste. „Die allgemeine Vorstellung des Orients in Europa bestand aus despotischen Männern und wehrlosen Haremsfrauen. Delacroix verstand es, sich diesen Vorurteilen zu entziehen“, führte Rauchenberger in seiner Präsentation aus. Andere Maler ließen ihrer Kreativität freieren Lauf, beispielsweise Jakob Frey aus Basel, der den tunesischen Ort Dougga malte, ohne jemals dort gewesen zu sein. Auch der Deutsche Adolf Schreyer versah seinen orientalischen Reiter mit Pistole und Schwert, was nach Rauchenbergers Interpretation eher in die Sparte von Karl Mays Erzählungen passen würde. Rudolf Ernst, österreichischer Maler um 1900, war ebenfalls mit nahöstlichen Motiven erfolgreich: „Jedoch entsprach das selten dem realen Orient, sondern eher der Erfüllung europäischer Kundenerwartungen.“
 
Von den beiden Künstlern der Moderne, August Macke und Paul Klee, war besonders letzterer vom Maghreb angetan. Klee geriet in seinem Reisetagebuch gar in „rauschvolles Schwärmen“ aufgrund der Düfte, Speisen, Getränke und Farben.
 
Dr. Rauchenberger gab den Zuhörern einen umfassenden Überblick über die Epochen und Länder anhand der präsentierten Gemälde und seiner umfangreichen Postkartensammlung. Das Bild des Orients in Europa wird auch weiterhin ein Gegenstand der Debatte sein müssen, um Realität von Fantasie trennen zu können.
 
Im Anschluss an seinen Vortrag stellte Dr. Rauchenberger seine neueste Publikation vor:
 
Am 4. Februar 2010 wird Dr. Dietrich Rauchenberger als Herausgeber das Werk Léon l’Africain (Leo der Afrikaner) im Pariser Institut du Monde Arabe vorstellen. Johannes Leo Africanus war Reisender und Geograph und beschrieb als einer der ersten die Länder des Maghreb zur Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts. Die EMA wünscht Dr. Rauchenberger hierfür viel Erfolg und hofft auf eine zweite Vortragsreihe zu Léon l’Africain…!

Von Heike Hahn