EMA-Gespräche

Stärkung des Dialogs der Kulturen auf allen Ebenen

Anlässlich des Tages der Vereinten Nationen am 28. Oktober 2009 veranstaltete die EMA eine Podiumsdiskussion in den Räumen des Goethe-Institutes Hamburg mit Vertretern aus Gesellschaft, Religion und Politik. 
 
Auf dem Podium konnten der Bundestagsabgeordnete Jürgen Klimke (CDU), der ehemalige UN-Koordinator des UNDP in Syrien Taoufik Ben Amara, der Leiter des Dominikanischen Forschungsinstitutes in Hamburg Pater Richard Nennstiel sowie der Vertreter der römisch-orthodoxen Kirche, Proto-Exarchos Alexius Chehadeh, begrüßt werden. Rund 50 Gäste wohnten der Abendveranstaltung bei, die von einer offenen Gesprächsatmosphäre geprägt war. Moderiert wurde die Diskussion vom EMA-Kulturreferenten Dr. Detlev Quintern.
 
In seinem Einstiegsreferat betonte Jürgen Klimke die Fortschritte im interkulturellen und interreligiösen Dialog, an denen auch die auf Bundesebene durchgeführte Islamkonferenz ihren Anteil habe. Der Aufbau von Vertrauen in der Gesellschaft, aber auch zwischen der Europäischen Union und ihren islamisch geprägten Nachbarländern, ist weiterhin wichtig. Er begreift besonders den Tourismus in die Region Nordafrikas und Nahost als eine Möglichkeit, sich besser kennenzulernen. Klimke forderte ein verstärktes Engagement: „Wir sollten speziell im kulturellen Bereich Kooperationen, beispielsweise zwischen Schriftstellern und Dichtern, entwickeln und fördern.“ Städte- oder Hochschulpartnerschaften würden überdies einen Beitrag leisten, sich näher zu kommen, so wie sie auch innerhalb Deutschlands nach dem Fall der Mauer zu mehr Verständnis und Zusammenarbeit führten.
 
Pater Richard Nennstiel verdeutlichte anhand der EMA-Karte, wie wichtig und wertvoll die Kultur des Mittelmeerraumes sei. „Wir müssen uns von der Vorstellung trennen, dass ein islamisches gegen ein christliches Reich stünde.“ Besonders Istanbul sei schon immer ein Beispiel für kulturelle und religiöse Vielfalt gewesen, wo sich verschiedene Kulturen, Nationen und Minderheiten ansiedelten. „Vielfalt ist keine Bedrohung, sondern vielmehr eine Bereicherung – und die Türkei könnte als Brücke zwischen den Kulturen dienen.“ Pater Nennstiel wies darauf hin, dass ein Blick in die Geschichte Grundlage für den Dialog der Kulturen sein müsse und bedauerte dabei, dass hierzulande häufig Geschichtsvergessenheit vorherrsche. Man dürfe nicht vergessen, dass das Christentum besonders im Nahen und Mittleren Osten immer auch mit Kolonialismus verbunden werde. In der Auseinandersetzung mit dem Anderen lerne man, das Eigene zu verstehen. Deshalb sei es wichtig, in dem anderen den Menschen zu erkennen, um sich schließlich von Gewalt zu befreien. Zum Schluss räumte Pater Nennstiel ein, dass ihm oft vorgeworfen werde, dass er wegen dieser Einstellung zu naiv sei, doch: „Ich bin lieber naiv als gewalttätig.“
 
Proto-Exarchos Alexius Chehadeh stellte klar: „Keine Religion kann von sich behaupten, gänzlich von Gewalt frei zu sein“, weshalb es auch förderlich sei, sich Verfehlungen irgendwann zu verzeihen. Bibel und Koran sind heilige Schriften, die beide auch zum Dialog einladen. Andere Religionszugehörige sollten als Helfer „mit anderer Ausstattung“ gesehen werden, um die friedlichen Normen jeglicher Religion zu stärken. Der Dialog der Kulturen muss auf allen Ebenen geführt werden – eben auch von unten und nicht nur akademisch, denn: „Lernen im Kleinen ist wie Gravieren in Steinen.
 
Taoufik Ben Amara begann mit dem bekannten Zitat Goethes „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“ und widersprach damit der These Samuel Huntingtons, dass es einen Konflikt zwischen Kulturkreisen gebe. „Die Anschläge vom 11. September 2001 bedeuteten einen Schlag ins Gesicht all derer, die sich für einen Dialog der Kulturen einsetzten." Doch auf Initiative des damaligen UN-Generalsekretärs und Friedensnobelpreisträgers Kofi Annan verfassten 20 namhafte Autoren das Buch Brücken in die Zukunft – Ein Manifest für den Dialog der Kulturen, um den Kulturdialog auch weiterhin lebendig zu halten. Die Charta der Vereinten Nationen kann ebenfalls als eine gute Grundlage für den Dialog der Kulturen zwischen den Völkern dienen.
 
Das Publikum brachte sich durch zahlreiche Redebeiträge in die Podiumsdiskussion ein. Ein Gast diskutierte mit den Referenten, ob das Konzept des Kulturdialogs nicht überschätzt werde angesichts von Kriegen um Land und Ressourcen. Kriege würden demnach nicht geführt, weil man sich nicht kennen würde, sondern weil strategische Interessen dahinter stünden. Pater Nennstiel stimmte dem zu, denn es sei wichtig, die wahre Motivation von Kriegen aufzudecken, um sie eben nicht auf Religions- oder Kulturkonflikte zu reduzieren. Proto-Exarchos Alexius Chehadeh betonte nochmals, dass ein Dialog auf allen Ebenen, auch politisch und wirtschaftlich, geführt werden müsse.
 
Zum Abschluss der Podiumsdiskussion verliehen die Referenten ihrer optimistischen Einstellung Ausdruck, indem sie für weiteres Engagement für einen Dialog der Kulturen warben.
 
Von Heike Hahn