Hamburger Kulturgespräche
Kontinuitäten deutscher Orientpolitik
Am 22. Februar 2010 fanden in den Örtlichkeiten der Ema zum zweiten Mal in diesem Jahr die EMA Gespräche statt. Anlässlich dieser referierte Dr. Detlev Quintern, Gründungsmitglied der EMA, über die „Kontinuitäten deutscher Orientpolitik“. In der anschließenden Diskussionsrunde wurden weitere Bereiche dieser Thematik beleuchtet. Von besonderem Interesse war dabei, welche Beweggründe für diese – auf den ersten Blick dem Orient friedlich gesinnte - Politik ausgemacht werden können und vor allem in welchem Verhältnis ein derartiges Verhalten zu den Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts – insbesondere dem ersten und zweiten Weltkrieg- steht.
Dr. Detlev Quintern, ehemaliger Student der Politikwissenschaften und Arabistik ist heute hauptsächlich im musealen Bereich tätig. Daneben lehrt er an der Universität und Hochschule Bremen, an der er selbst promovierte, am Institut für Kulturwissenschaften als Dozent für Kulturen- und Ideengeschichte. Im Zeichen seiner letzten Tätigkeit als Kurator des Istanbuler Museums für die Geschichte der Wissenschaft und Technik im Islam spannte er in die Thematik der „Kontinuitäten deutscher Orientpolitik“ mit dem Bau der Bagdadbahn (1903) auf.
Ausgehend davon entwickelte er eine chronologische Abfolge der Übereinkünfte und Bündnisse zwischen Preußen und dem Osmanischen Reich, welche im Bau der Bagdadbahn visualisiert wurden. Dabei zeichnete sich die Problematik der Beziehungen von Orient und Okzident in den Jahren 1914 bis 1918 auch in dem ins Stocken geratenden Bau der Bahn ab.
Die technischen Innovationen erfolgten parallel zum, als große Bedrohung empfundenen, Zerfall des Osmanischen Reiches, welchem mit etwaigen Bündnissen zwischen den Arabischen Ländern und den Mittelmächten entgegenzuwirken versucht wurde.
Im Sinne dessen stellte sich im Anschluss an den Vortrag die Frage, in wie weit Abkommen zwischen den besagten Ländern wirklich als Zeichen der Geneigtheit zu sehen seien oder doch eher aus dem Bedürfnis nach Schutz oder wirtschaftlichen Interessen erwuchsen.
Stark herausgestellt wurde dabei von den Anwesenden, dass es sich bei der preußischen Orientpolitik vor allem um flankierende Maßnahmen zum Schutz des Reiches vor den Mittelmächten handelte. Herausragende Figuren der „arabisch-deutschen“ Freundschaft wie etwa Wilhelm der Zweite, Oppenheimer und Lawrence von Arabien wurden hierbei als Mittel der Propaganda im Zuge der Minderheitenpolitik entlarvt. In ähnlichem Sinne sei die Balfour Deklaration- und damit die Einrichtung eines „Pufferstaates“ gegen die Arabischen Länder- zu sehen.
In wirtschaftlicher Hinsicht wurde innerhalb der Diskussion die Überschuldung eines finanziell schwachen Landes heute wie damals als Möglichkeit der Einflussnahme auf bestimmte Gebiete genannt. Des Weiteren lieferten ohne Zweifel rein ökonomische Interessen der Rohstoffzugänglichkeit Ansatzpunkt für eine gemeinsame Politik oder zumindest einer friedlichen Übereinkunft. Etwaige Ansätze belegt beispielsweise die Besetzung der Westafrikanischen Küste durch die Briten auf Grunde des Kohlebedarfes sowie die irakische Energiepolitik Hitlers im Zweiten Weltkrieg.
Vor dem Hintergrund dieser Erwägungen stellt sich die Frage ob oder in wie weit Parallelen und Kontinuitäten zwischen der Orientpolitik des Preußischen Reiches und den Ereignissen der beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert aus ideologischer Sicht zu ziehen sind. Die Komplexität der Thematik lieferte eine anregende und teils auch aufregende Diskussion, derer man sich in weiteren Gesprächen zu zuwenden offen halten sollte.
Die Problematik von Israel und Palästina wurde immer wieder als heute aktueller Ansatzpunkt der Politik vergangener Zeit genannt. Anlässlich dieser noch lange nicht zu Ende geführten Diskussion, lud Herr Dr. Detlev Quintern sehr herzlich zum Besuch der Ausstellung „Gaza- Brücke zwischen Kulturen. 6000 Jahre Geschichte“ , welche noch bis 05.04.2010 im Landesmuseum für Natur und Mensch in Oldenburg verweilt ein.
Von Irmtraud Eckart
Es ist der EMA ein Anliegen, kritische Themen anzusprechen und in konstruktiven Diskussionen zu beleuchten. Die Vorträge sowie die Diskussionen spiegeln nicht automatisch die Meinung der EMA wider.



