Hamburger Kulturgespräche

Toleranz und Integration bekommen ein Gesicht – Integration im Medium der Kunst

Die Hamburger Kulturgespräche im Goethe-Institut Hamburg zum Thema "Integration durch das Medium Kunst" am 23. März 2011 läutete der tunesische Musiker Adam Saidani in gemütlicher Atmosphäre mit zwei Musikstücken aus Tunesien und Marokko auf seiner Oud – einem traditionellen arabischen Instrument - ein.
 
Begrüßung
 
Nach einer herzlichen Begrüßung der rund 60 Gäste durch Herrn Ulrich Wiegelmann vom Goethe-Institut Hamburg sprach Herr Prof. Dr. Horst H. Siedentopf das Grußwort im Namen der EMA. Er verdeutlichte die Ungewöhnlichkeit der Verknüpfung von Toleranz, Integration, Islam und Kunst. Gäbe man diese 4 Wörter bei Google ein, bekäme man weniger als 50.000 Treffer, im Gegensatz zu Integration bei dem gleich 2 Millionen Ergebnisse gefunden würden. Dabei ist die Kombination naheliegend, wie uns das Projekt des syrischen Künstlers Tarek Marestani und Herrn Prof. Dr. Steinbach im Laufe des Abends verdeutlichen sollte. Herr Siedentopf hieß außerdem Herrn Reinhard Stuth nicht nur als Referent sondern auch als neues Beiratsmitglied der EMA herzlich willkommen. Ein besonderer Dank galt dem Goethe Institut für die großartige Kooperation und Unterstützung. Mit der Erinnerung, dass auch das christliche Abendland Ergebnis einer Migration sei, übergab Herr Prof. Dr. Siedentopf das Wort an den Moderator Herrn Schmidt.
 
Kapitän und Honorarkonsul a.D. Stefan Schmidt (Träger der Carl von Ossietzky Medaille und der „Helfenden Hand“ von Pro Asyl) führte mit sehr fachkundiger und resoluter Hand durch das anschließende Gespräch. Er unterstütze die Hamburger Kulturgespräche weil er vor allem „Blicke öffnen“ wolle, denn „nur dann haben wir noch eine Chance“.
 
Islam und Muslime in der aktuellen migrationspolitischen Debatte in Deutschland
Prof. Dr. Udo Steinbach (Nah- und Mittelost Experte)
 
Zu Beginn führte Herr Prof. Dr. Udo Steinbach in das Kunstprojekt Toleranz und Integration bekommen ein Gesicht ein. Er selbst habe erst durch Probleme in seiner eigenen Umgebung angefangen, sich für Integration zu interessieren. Die Migrationsdebatte sei kulturalisiert worden, die Präsenz von Muslimen würde als Bedrohung wahrgenommen werden. Das sei gefährlich für unsere Zukunft, denn Misstrauen hindere an Integration, diese sei jedoch unabdinglich. Man vergesse über die ganze Kritik am Islam die große Geschichte der islamischen Welt völlig. Deutschland habe sich als Einwanderungsland nie mit Einwanderung beschäftigt, da davon ausgegangen wurde, die Immigranten würden nach einer bestimmten Zeit das Land wieder verlassen. Mittlerweile habe man aber auch hier erkannt, dass etwas getan werden muss. Herr Steinbach möchte mit dem Projekt einen Teil zu dieser Integrationsarbeit beitragen. Er möchte der Unsicherheit und Ablehnung in der Gesellschaft mit Mitteln der Kunst entgegensteuern. Auf die Frage des Moderators, wie jeder einzelne im Alltag in Deutschland Integration wahr machen könne, antwortete er: ,,Es würde schon helfen jeden den wir hier sehen als Menschen wahr zu nehmen. Nicht als ‚Moslem‘, nicht als ‚Terrorist‘, einfach als Menschen“.
 
Kultur, Identität und Integration - Anmerkungen aus kulturpolitischer Sicht
Reinhard Stuth (Kultursenator a.D., Pflüger und Stuth – Internationale Beratung Hamburg GmbH, Beirat EMA)
 
Herr Reinhard Stuth stellte seinen Vortrag unter den Titel „Kultur-Identität-Integration“; diese drei Begriffe bedingen sich gegenseitig und seien die Basis füreinander. Er erläuterte dass die gegenwärtigen Geschehnisse im Nahen Osten nun die Aufmerksamkeit auf eigentlich „alte“ Themen lenke und Verunsicherung bei der Bevölkerung auslöse. In Deutschland vor allem in Bezug auf Flüchtlinge, Migration und eine Islamistische Machtübernahme direkt an den Außengrenzen Europas. Er selbst habe die Erfahrung gemacht, dass vor allem diejenigen andere Kulturen besser verstehen können, die selber in ihrer eigenen Kultur verankert sind. Kultur sei eine Chance für Integration, kein Konfliktthema. Die Frage sei „gibt es überhaupt eine deutsche Kultur?“ Bei der Beantwortung dieser Frage wurde deutlich, dass es Kultur nur im Plural gibt. Der Dialog der Kulturen gehöre zum Wesen der Kultur und daher sei es von großem Interesse der Mehrheit, wenn auch Minderheiten um ihre Kultur wüssten. Diesen Dialog möglich zu machen ist, seiner Meinung nach, sowohl gesellschaftliche als auch staatliche Aufgabe. Kultureller Dialog brauche staatliche Zurückhaltung.
Er beendete seinen Vortrag mit dem eindrücklichen Statement: „Wir müssen anderen Kulturen mit Respekt gegenüber treten. Auch dann bleibt Integration schwierig, wird aber einfacher“.
 
Integration durch Kunst: Präsentation einer Auswahl seiner Werke und deren Bezug zu Integrationsfragen
Tarek Marestani (Syrischer Künstler)
 
In seinem beeindruckenden Kunstprojekt portraitiert Tarek Marestani innerhalb eines Jahres 25 junge Menschen zwischen 7 und 15 Jahren. Als er damals nach Berlin kam seien ihm besonders die „Farben der Menschen“ aufgefallen. Kunst kann einen großen Beitrag zu Integration leisten, da Kunst nicht beleidigt oder kritisiert. Die Portraits zeigen die Menschen. Jeder Mensch habe seine eigene Geschichte sagt Marestani. Er möchte denjenigen, die über Migranten schimpfen, vor Augen führen, dass es Menschen sind, die sie kritisieren und keine Stereotypen. Mit seinen Bildern möchte er eine Brücke zwischen den verschiedenen Nationalitäten, die in Deutschland leben, schaffen.
Sein Projekt stieß bisher auf großen Anklang. Es gäbe großes Interesse z.B. aus Italien, Dubai und Syrien. Herr Marestani kündigte Ausstellungen in Berlin und Hamburg an.
 
Diskussion
 
Nach den Vorträgen wurde das Wort dem Publikum übergeben. Es entfachte eine interessante Diskussion über die Rolle der Medien und das Bild welches in der Gesellschaft existiert. Über Toleranz und wie weit diese gehen sollte. Ein Wissenschaftler meldete sich zu Wort um eine Lanze für die Aufklärung zu brechen und beteuerte dass auch Religionskritik sein dürfen muss. Während der Diskussion wurde deutlich, wie empfindlich das Thema Integration ist und dass Aussagen oft zu einer Gradwanderung werden. Einig war sich das Publikum darin, dass der Dialog zwischen Kulturen über Migration und Integration auf breiter Basis geschehen muss.
 
Mit beschwingter Musik, Wein und angeregten Gesprächen endete das Hamburger Kulturgespräch gegen 21 Uhr und ließ sicherlich die meisten seiner Besucher nachdenklich nach Hause kehren.
 
Von Nina Bünger
 
 
Es ist der EMA ein Anliegen, kritische Themen anzusprechen und in konstruktiven Diskussionen zu beleuchten. Die in den Vorträgen sowie in den Diskussionen zum Ausdruck gebrachten Meinungen stimmen nicht zwangsläufig mit den Ansichten der EMA überein.