Zur Gründung der EMA
Grußwort von Prof. Dr. Udo Steinbach

Brücke oder Grenze? – dies ist eine alte Frage nach dem historischen Ort des Mittelmeers. Sie findet ihre Antwort, seit Mitte der neunziger Jahre der Barcelona-Prozess ins Leben gerufen wurde: In einem neuen Sinn wird das Mittelmeer wieder „mare nostrum“ - unser Meer; ein Gewässer, das Europa, Nordafrika und den Nahen Osten verbindet. Das im Juli 2008 beschlossene Projekt einer Mittelmeerunion hat diese Perspektive konkretisiert.
Mit dem Ende der Ost-West-Teilung der Welt wandten Politik und Öffentlichkeit auch in Deutschland dem Mittelmeerraum verstärkte Aufmerksamkeit zu. Bald entstand ein breiter Konsens, dass wir uns im Rahmen einer europäischen Mittelmeerpolitik würden zu engagieren haben. Seither haben alle Regierungen darauf bestanden, dass ein so weit reichendes Vorhaben nicht eine Sache allein der Mittelmeeranrainer sein könne; dass es vielmehr ein Anliegen der gesamten EU sein müsse.
In diesem Sinne hat sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Vorbereitungen des Projekts der Mittelmeerunion eingebracht. Die Intervention der Kanzlerin macht den hohen Stellenwert sichtbar, den Deutschland heute den Beziehungen zu seinen Nachbarn im Mittelmeerraum und im Nahen und Mittleren Osten beimisst. Geographie und Geschichte haben uns eng verbunden.
Die Vision freilich und die Entschlossenheit, sie politisch, wirtschaftlich und kulturell mit Leben zu erfüllen, haben in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nur selten einander entsprochen. Das hat zahlreiche Gründe, wird aber im Nahen Osten mit Bedauern festgestellt. Nicht zuletzt viele Araber wünschen sich in Deutschland einen starken Partner, über den sie ihre Beziehungen zu Europa gestalten. Auch wenn sich die Staaten im Nahen Osten nicht zuletzt aufgrund ihrer Ressourcen in Welt-Politik und Welt-Wirtschaft verorten, bleibt die EU der Wunschpartner im internationalen System.
Der Entwicklung der Beziehungen zwischen Deutschland und dem Mittelmeerraum/Nahen Osten haftet etwas Zufälliges, gleichsam von der Hand in den Mund Artiges an. Das gilt für die Politik und die Wirtschaft; ein strategischer Blick wird darin kaum erkennbar. Gerade vor dem Hintergrund der durch die gestiegenen Einnahmen dramatisch gewachsenen wirtschaftlichen Chancen ist dies zu bedauern. Und zugleich ist festzustellen, dass andere europäische Länder stärker um eine Synthese von Politik, Wirtschaft und Kultur in ihren Beziehungen zu den Mittelmeer- und Nahost-Ländern bemüht sind.
Vor diesem Hintergrund will die Euro-Mediterranean Association (EMA) neue Impulse ausstrahlen. Sie kann und will nicht mit anderen Einrichtungen, die um die Förderung der Wirtschaftsbeziehungen Deutschlands zum Mittelmeerraum/Nahen Osten bemüht sind, in Wettbewerb eintreten. Ihr Anliegen ist wesentlich, die Gestaltung der Beziehungen auf einer Verbesserung von Verständnis zu gründen. Es heißt, unsere Partner im Mittelmeerraum /Nahen Osten zu unterschätzen, in ihnen nur Geschäfts-Partner zu sehen. Selbstbewusst wollen sie in allen Dimensionen ihrer Persönlichkeit, gerade auch den kulturellen und religiösen, wahrgenommen werden.
Das Spektrum der Organisationszwecke lässt erkennen, dass die Aktivitäten darauf gerichtet sind, die Träger der Beziehungen, d.h die Akteure zunächst insbesondere in der Wirtschaft, besser vorzubereiten, ihr Handeln in einem breiteren Rahmen zu verstehen. Damit aber wird langfristig auch ein Beitrag zu jener Breite und Tiefe der Beziehungen Deutschlands zum Mittelmeerraum/Nahen Osten geleistet, die Geschichte und Geographie nahe legen.
Professor Dr. Udo Steinbach